Neues aus der Wissenschaft: Suffizienz als Strategie für die nachhaltige Stadtentwicklung

„Neues aus der Wissenschaft“ präsentiert das Forschungsprojekt „Entwicklungschancen & -hemmnisse einer suffizienzorientierten Stadtentwicklung“. Erforscht wird wie Flensburg zu einer klimawandelfesten,sozial gerechten & umweltfreundlichen Stadt wird.

Im Rahmen der 11. Sitzung des Managementboards der IPZ stellte die wissenschaftliche Projektleitung des Norbert Elias Centers der Europa-Universität Flensburg (NEC) das Forschungsprojekt Entwicklungschancen und -hemmnisse einer suffizienzorientierten Stadtentwicklung“ (EHSS) vor. Dr. Michaela Christ und Dr. Bernd Sommer erläuterten, wie die Suffizienz als Strategie für eine nachhaltige Stadtentwicklung genutzt werden kann.

Grafik des EHSS Projekts

Sarah Heuzerot

Was ist Suffizienz?

Stellt man sich die „Stadt von morgen“ vor, so denkt man womöglich an elektrogetriebene Autos, smarte Verkehrsleitsysteme und flächendeckende Photovoltaikanlagen auf den Dächern neu gebauter Passivhäuser. Im Falle der Suffizienz stehen hingegen weniger technikbasierte Wege zur Nachhaltigkeit im Vordergrund. Suffizienz beschreibt eine Strategie, bei der Menschen durch ein verändertes Verhalten zur ökologischen Nachhaltigkeit beitragen.

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekts EHSS setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des NEC sowie der Verwaltung der Stadt Flensburg mit Erfolgsbedingungen und Barrieren von Suffizienz auseinander. Die Publikation „Wie wird weniger genug?“ (2021) stellt unter anderem Praxisbeispiele vor, wie suffizienzorientierte Stadtentwicklung gelingen kann, ohne die Grenzen dieser nachhaltigen Vorgehensweise in einer wachstumsorientierten Gesellschaft zu verschweigen. Zentrale Konfliktlinien zeigen sich beispielsweise, wenn im Rahmen entsprechender Projekte Verteilungsfragen in der Reduktion von Autoparkplätzen münden oder Interessen von renditeorientierten Investoren eingeschränkt werden.

Drei zentrale Aussagen:

  1. Suffizienz bedeutet, den Ressourcen- und Naturverbrauch durch andere Verhaltensmuster und Lebensweisen zu verringern. Konkret bedeutet dies, danach zu fragen, was nötig ist, was ausreicht und wie viel genügt, um ein gutes Leben zu führen.
  2. Maßnahmen der Suffizienz kann jede Kommune sofort umsetzen. Sie bedürfen keiner teuren Technik oder großer Investitionen. Es genügt, die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen zu nutzen.
  3. Damit „Weniger“ genug werden kann, bedarf es einer aktiven Gestaltung durch die kommunalen Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik und Verwaltung. Gelingt dies, bedeutet Suffizienz(politik) für Bürgerinnen und Bürger nicht etwa Verzicht, sondern der Erhalt einer hohen Lebensqualität bei sinkendem Ressourcenverbrauch.

Suffizienz als Strategie für die Entwicklung urbaner Quartiere

Soll Suffizienz als Leitstrategie für ein neues Quartier verfolgt werden, bedeutet es folglich nicht, dass das Gebiet nach grundlegend neuen städtebaulichen Standards beplant werden muss. Stattdessen greift man auf bestehende Instrumente und Methoden zurück: Man wendet sie nach dem Kriterium der Ressourcensparsamkeit an und versucht, Rahmenbedingungen für nachhaltige Lebensstile baulich umzusetzen. Hierzu gehört, das Gebiet durch eine Vielfalt unterschiedlicher Nutzerinnen und Nutzer sukzessive mit einer kompakten Bebauung in angemessener Dichte zu entwickeln. Funktional gemischte Quartiere, in denen Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit ineinandergreifen, können kleinteilig strukturiert sein, um die fußläufige Erreichbarkeit möglichst aller Bedarfe des täglichen Lebens zu gewährleisten. Im öffentlichen Raum wird eine Vielzahl attraktiver Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen, die Funktionen wie Begegnung, Erholung, Sport, Begrünung, Förderung der Biodiversität, Verbesserung des lokalen Klimas und Abfederung von Extremwettereignissen miteinander verbinden.

Praxisbeispiel: Reallabor Hafen-Ost in Flensburg

Die Entwicklung des Gebiets Hafen-Ost gehört mit einer Fläche von knapp 53 Hektar zu den wichtigsten städtebaulichen Projekten der Stadt. Die innerstädtische Lage an der Flensburger Innenförde sowie die Vielzahl an Brachen, leerstehenden Silos und Lagergebäuden bieten ein enormes Entwicklungspotenzial. Ein erstes Entwicklungskonzept sieht Wohnraum für bis zu 3.000 Menschen in einem urbanen und autoarmen Quartier mit einer lebendigen Nutzungsmischung aus Wohnen, Gewerbe, Dienstleistungen, Wissenschaft, Kultur und Freizeit vor. Ein respektvoller Umgang mit Architektur sowie die gemeinwohlorientierte Steuerung der Bodennutzung sind dabei zentraler Bestandteil. Individuelle Nutzungen werden zu Gunsten gemeinschaftlicher und öffentlicher Räume in den Hintergrund gestellt. Durch den Einsatz nachhaltiger Baustoffe sollen langlebige und flexibel genutzte Gebäude entstehen, welche dem Leitprinzip der CO2-Neutralität gerecht werden. Das Projekt steht daher unter dem Motto „Weniger verbrauchen - besser leben“.